Eine Panikattacke beginnt häufig mit körperlichen Anzeichen, die so intensiv sein können, dass viele Betroffene zunächst an eine ernsthafte körperliche Erkrankung denken. Doch was im Körper geschieht, ist eigentlich ein Liebesdienst Ihres Gehirns – ein Warnsignal, das Sie auf etwas aufmerksam machen möchte. Als Therapeutin sehe ich täglich, wie Patienten durch das Verstehen dieser körperlichen Signale den ersten wichtigen Schritt zur Überwindung ihrer Angst machen.
Inhaltsverzeichnis
Typische körperliche Symptome einer Panikattacke
Herzrasen
Ihr Herz rast plötzlich, als hätten Sie einen Marathon absolviert – obwohl Sie vielleicht nur ruhig auf dem Sofa sitzen. Dieses Symptom erleben über 80% aller Menschen mit Panikattacken. Aus der Erfahrung mit zahlreichen Angstpatienten weiß ich: Das Herzrasen ist keine Gefahr für Ihr Herz oder gar ein Herzinfarkt, sondern eine normale Reaktion Ihres Körpers, der sich auf eine vermeintliche Bedrohung vorbereitet.
Atemnot & Kurzatmigkeit
Das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen, gehört zu den beängstigendsten Symptomen. Die Atmung wird flach und schnell. Viele Patienten berichten, dass sie in solchen Situationen glauben, zu ersticken. Die moderne Hirnforschung zeigt jedoch: Ihr Gehirn sorgt lediglich für mehr Sauerstoff im Blut, um Sie auf eine vermeintliche Gefahrensituation vorzubereiten.
Schwindel & Kreislaufprobleme
Plötzlicher Schwindel, das Gefühl zu schwanken oder der Boden unter den Füßen bewegt sich – diese Symptome entstehen durch die Umverteilung des Blutes zu den großen Muskelgruppen. Die von uns entwickelte Bernhardt-Methode hilft übrigens auch dabei, diese Körperreaktionen als Teil des Schutzmechanismus zu verstehen, nicht als Zeichen einer Erkrankung.
Zittern & innere Unruhe
Zitternde Hände, weiche Knie oder ein generelles Zittern im ganzen Körper sind direkte Folgen der Adrenalinausschüttung. Die innere Unruhe, die Sie spüren, ist Energie, die Ihr Körper bereitstellt für den vermeintlichen Kampf. In einer guten Therapie lernen Sie, wie Sie diese Energie umlenken können, statt sie zu fürchten.
Übelkeit & Magenprobleme
Der „Knoten im Magen“ und Übelkeit gehören zu den häufigen Begleitsymptomen. Ihre Verdauung wird bei Stress zurückgefahren, da sie in einer Gefahrensituation nicht lebensnotwendig ist. Auch Durchfall gehört zu den typischen Stressreaktionen. Es wird gewissermaßen sämtlicher Ballast über Bord geworfen, um noch schneller wegrennen zu können. Diese Reaktionen sind uralt und dienten unseren Vorfahren zum Überleben.
Blutdruckveränderungen
Sowohl ein plötzlicher Blutdruckanstieg als auch -abfall können Teil einer Panikattacke sein. Die Schwankungen erklären viele der anderen Symptome wie Schwindel oder Kopfschmerzen. Allein die Angst davor, einen hohen Blutdruck zu haben, kann diesen in die Höhe schnellen lassen – ein Phänomen, das in der Medizin als „Weißkittelhypertonie“ bekannt ist. Manche meiner Patienten messen ihren Blutdruck mehrmals täglich und nehmen seit Jahren Medikamente, obwohl die eigentliche Ursache ihre Angst ist. Bei Verdacht auf blutdruckbedingte Angstsymptome empfehle ich daher stets eine 24-Stunden-Langzeitmessung, um ein unverfälschtes Bild zu erhalten.
Panikattacke oder etwas anderes? So erkennen Sie den Unterschied
Unterschied zur Hyperventilation
Bei Hyperventilation atmen Sie zu schnell und zu tief, wodurch zu viel Kohlendioxid abgeatmet wird. Die Symptome – Kribbeln in Händen und Füßen, Schwindel, Brustenge – ähneln stark einer Panikattacke. Der Unterschied: Hyperventilation ist oft direkter mit dem Atemmuster verbunden. Viele meiner Patienten kennen dieses beängstigende Gefühl, wenn plötzlich die Fingerspitzen und Lippen kribbeln oder sogar taub werden. Was im Körper dabei passiert, ist wie ein chemisches Ungleichgewicht: Durch das zu schnelle Atmen verändert sich der Säure-Basen-Haushalt im Blut, was diese neurologischen Empfindungen auslöst.
Ein einfacher Selbsttest kann helfen: Atmen Sie bewusst langsamer und tiefer in den Bauch. Bei Hyperventilation verbessern sich die Symptome dadurch meist innerhalb von 1–2 Minuten deutlich, während bei einer reinen Panikattacke oft stärkere Beruhigungstechniken nötig sind.
Wenn Sie vor oder während einer Angstattacke innere Dialoge haben, wie z.B. „Ich schaffe das nicht“ oder „Ich glaube, ich drehe gleich durch“, dann sollten Sie unbedingt mal die Pitching-Technik ausprobieren. Damit lassen sich diese Gedanken oft so entkräften, dass auch die Panik schnell abflaut.
Panikattacke vs. Herzinfarkt
Die Unterscheidung kann lebenswichtig sein. Bei beiden treten Brustschmerzen, Atemnot und Schwitzen auf. Unterschiede: Ein Herzinfarkt geht oft mit Schmerzen, die in Arm, Kiefer oder Rücken ausstrahlen, einher. Panikattacken beginnen plötzlicher und klingen größtenteils nach 20–30 Minuten ab. Eine wichtige Erkenntnis aus meiner täglichen Arbeit mit Angstpatienten ist, dass die Schmerzen bei einem Herzinfarkt überwiegend als drückend und eng beschrieben werden, während sie bei einer Panikattacke eher stechend oder ziehend sein können. Zudem bleibt bei einem Herzinfarkt die Herzfrequenz oft stabil erhöht, während sie bei einer Panikattacke typischerweise stark schwankt – ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal, das ich meinen Patienten als „Wellencharakter der Angst“ erkläre. Interessant ist auch, dass Angstpatienten bei einer Panikattacke oft starke Atemnot verspüren, bevor die Brustschmerzen einsetzen, während es beim Herzinfarkt häufig umgekehrt ist. Bei Unsicherheit: Immer ärztliche Hilfe suchen!
Wenn körperliche Symptome im Vordergrund stehen
Manche Menschen erleben hauptsächlich körperliche Symptome ohne offensichtliche Angstgefühle – die sogenannte „somatische Panikattacke“. Die körperlichen Symptome selbst werden dann zum Auslöser der Angst. Auch diese Form ist behandelbar, wenn die zugrundeliegenden neuronalen Verbindungen erkannt und umtrainiert werden. Das funktioniert aber nur, wenn die Neuroplastizität im Gehirn angemessen berücksichtigt wird. Ein Umstand, der bei herkömmlichen Therapien leider oft viel zu kurz kommt.
Was passiert im Körper bei einer Panikattacke?
Nervensystem, Adrenalin, Muskelanspannung
Bei einer Panikattacke schaltet Ihr Körper auf Hochleistung: Das sympathische Nervensystem aktiviert die Nebennieren, die Adrenalin und Noradrenalin ausschütten. Diese Hormone sorgen für erhöhte Herzfrequenz, gesteigerte Atmung und gespannte Muskeln. Diese biochemischen Prozesse laufen zwar automatisch ab, können aber durch mentales Training neu reguliert werden.
„Kampf-oder-Flucht“-Reaktion als biologischer Mechanismus
Was Sie erleben, ist ein uraltes Überlebensprogramm Ihres Gehirns. In meiner Arbeit mit Angstpatienten betone ich immer wieder: Diese Reaktion hat unsere Vorfahren vor Gefahren geschützt. Ihr Gehirn hat durch bestimmte Erfahrungen oder Gedankenmuster gelernt, harmlose Situationen als bedrohlich einzustufen. Die Neuroplastizität, also die Formbarkeit Ihres Gehirns, ermöglicht es jedoch, diese Fehlinterpretation zu korrigieren – ein zentraler Ansatzpunkt unserer Methode.
Was tun bei körperlichen Symptomen?
Soforthilfe
Ihr Körper kann Ihrem Gehirn vorgaukeln, dass alles in Ordnung ist – ein faszinierender Trick, den ich in meiner Berliner Praxis täglich anwende. Nehmen Sie gezielt eine selbstbewusste Körperhaltung ein, die sogenannte „Power-Pose“. Sie werden nicht glauben, wie schnell die Angst dadurch spürbar nachlassen kann. Stellen Sie sich vor, Ihr Körper ist wie ein Steuergerät für Ihre Emotionen: Die Signale, die Sie durch Ihre Körperhaltung senden, beeinflussen direkt Ihre Hormonproduktion. In nur 2 Minuten kann eine kraftvolle Pose (wie die „Chefpose“ mit zurückgelehntem Oberkörper, Armen hinter dem Kopf und hochgelegten Beinen) das Stresshormon Cortisol deutlich senken und gleichzeitig Ihre Wohlfühlhormone steigern. Was meine Patienten besonders begeistert: Diese Methode wirkt sofort – es ist, als würden Sie einen Reset-Knopf in Ihrem Nervensystem drücken. Die Wissenschaft dahinter nennt sich „Embodiment“, was bedeutet, dass Ihr Körper und Geist in einem ständigen Zwiegespräch miteinander stehen. Halten Sie die Pose für mindestens 2 Minuten, idealerweise sogar 5 Minuten – mit jeder weiteren Sekunde verstärkt sich die positive Wirkung. Eine meiner Patientinnen beschrieb die Wirkung treffend: „Es ist, als würde ich meinem Gehirn beweisen, dass ich sicher bin.“ Diese einfache Technik hat bereits vielen Menschen geholfen, akute Angstsymptome schnell zu reduzieren und das verschüttete Selbstvertrauen wiederzufinden – ein kraftvolles Werkzeug, das Sie jederzeit und überall anwenden können.Wann zum Arzt?
Bei erstmaligen oder besonders starken Symptomen ist eine ärztliche Untersuchung natürlich sinnvoll. Nicht zuletzt, um organische Ursachen auszuschließen. Dieses Wissen wirkt bereits beruhigend. In meiner Praxis erlebe ich oft, wie erleichtert Patienten sind, wenn man sie davon überzeugen kann, dass ihre körperlichen Symptome nicht lebensbedrohlich sind.Langfristige Strategien
Die moderne Hirnforschung zeigt: Unser Gehirn ist zum Glück bis ins hohe Alter noch formbar. Mit gezieltem Training können Sie die neuronalen Verbindungen, die Panikattacken auslösen, abschwächen und neue, gesündere Reaktionsmuster aufbauen. In nur 6 bis 12 Wochen können selbst schwere Angststörungen überwunden werden – eine wunderbare Erfahrung, die bereits über 17.300 Anwender unseres Online-Selbsthilfekurses gemacht haben.Häufig gestellte Fragen
Die intensiven körperlichen Symptome einer Panikattacke klingen in der Regel nach 20–30 Minuten deutlich ab. Manche Menschen berichten jedoch von einem „Nachbeben“ – einer leichten Erschöpfung oder Restsymptomen, die einige Stunden anhalten können. Aus meiner langjährigen Erfahrung mit Angstpatienten kann ich Ihnen aber versichern: Je mehr Sie lernen, die Symptome als normal zu akzeptieren, desto schneller werden sie abklingen.
Ja, absolut. Viele meiner Patienten erleben zunächst nur körperliche Symptome, ohne sich ängstlich zu fühlen. Erst die Interpretation dieser Symptome als bedrohlich löst dann die eigentliche Angst aus. Solche „somatisch induzierte Panikattacken“ sind genauso behandelbar wie klassische Panikattacken und sprechen besonders gut auf körperorientierte Techniken an.
Definitiv. Leider. Die Vernetzung zwischen den Gedanken und körperlichen Reaktionen ist immens stark. Denken Sie an einen herzhaften Biss in eine Zitrone. Und schon läuft ihm das Wasser im Mund zusammen, obwohl gar keine Zitrone da ist. Genauso können angstbezogene Gedanken körperliche Symptome verstärken oder sogar auslösen. Die gute Nachricht, die ich auch in meinen Büchern betone: Was erlernt wurde, kann auch wieder verlernt werden. Durch gezielte mentale Übungen können Sie diese Verknüpfungen neu programmieren.
Nein, trotz der intensiven Symptome verursachen Panikattacken zum Glück keine körperlichen Schäden. Wenngleich es sich anfühlt, als würde Ihr Herz versagen oder Sie keine Luft mehr bekommen – Ihr Körper ist darauf ausgelegt, mit diesen vorübergehenden Stressreaktionen umzugehen.
Quellenverzeichnis
- Bernhardt, K. (2021): Panikattacken und andere Angststörungen loswerden. Ariston Verlag, München.
- Domschke, K., Stevens, S., Pfleiderer, B., & Gerlach, A. L. (2010): Interoceptive sensitivity in anxiety and anxiety disorders: an overview and integration of neurobiological findings. Clinical Psychology Review, 30(1), 1-11.
- Bouton, M. E., Mineka, S., & Barlow, D. H. (2001): A modern learning theory perspective on the etiology of panic disorder. Psychological Review, 108(1), 4-32.
- Porges, S. W. (2011): The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-regulation. W.W. Norton & Company, New York.
- LeDoux, J. E., & Pine, D. S. (2016): Using Neuroscience to Help Understand Fear and Anxiety: A Two-System Framework. American Journal of Psychiatry, 173(11), 1083-1093.