Wann jemand, im medizinischen Sinne, an einer echten Hypochondrie leidet, ist klar definiert. Darüber hinaus gibt es jedoch noch die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs „Hypochonder“, auf die ich später noch eingehen werde. Bei wem eine echte Hypochondrie vorliegt, der ist überzeugt davon, dass er eine ernsthafte Erkrankung hat, die bislang von Ärzten einfach nur noch nicht erkannt wurde. Entsprechend oft betreiben die Betroffenen das sogenannte Ärzte-Hopping, also das häufige Wechseln des behandelnden Arztes, immer in der Hoffnung, dass der nächste endlich das „entdeckt“, was alle anderen vor ihm übersehen haben. Eine lebensbedrohliche Krankheit, wie z.B. Krebs oder einen Schlaganfall. Doch natürlich hört er ein ums andere Mal nur, dass körperlich alles o.k. ist und ihm nur die Psyche einen Streich spielt. Doch die eigentlich spannende Frage stellt niemand:

Wie kann ein Hypochonder es schaffen, der ärztlichen Aussage „mit Ihnen ist alles in Ordnung“ wieder mehr Glauben zu schenken, als der eigenen inneren Stimme, die die ganze Zeit sagt: „Irgendwas stimmt mit mir nicht, da muss irgendwas sein, das die Ärzte übersehen haben.“

Dabei wäre die Antwort auf diese Frage so einfach:

Hypochonder dürfen lernen, ihre beunruhigende innere Stimme mit ein paar einfachen Techniken so sehr abzuschwächen, dass das Wort des Arztes ausreichend Gewicht hat und so beruhigend wirkt, dass man sich wieder den angenehmen Dingen des Lebens zuwenden kann. Das klappt z.B. ganz hervorragend mit den Musterunterbrechern, die ich in meinem Buch „Panikattacken und andere Angststörungen loswerden“ beschrieben habe. Und wer den richtigen Einsatz der Pitching-Technik, der Zoomtechnik oder auch der auditiven Schiebetechnik nach dem Lesen des Buches noch nicht so beherrscht, dass Hypochondrie keine Chance mehr hat,  dem hilft spätestens der begleitende Videokurs dabei, diese Techniken so umzusetzen, dass schnell erste Erfolge sichtbar werden.

„Dr. Google“ und die wachsende Anzahl von Hypochondern

Ob Sie es glauben oder nicht, für hypochondrische Störungen, die durch permanentes Googeln nach Krankheiten ausgelöst wurden, gibt es sogar schon einen eigenen Fachbegriff, nämlich „Cyberchondrie“ oder auch  „Morbus Google“.  Wer die Suchmaschine fragt, was dieses oder jenes körperliche Symptom noch bedeuten könnte und unter welcher seltenen Krankheit man im schlimmsten Fall leiden könnte, der läuft Gefahr, seine hypochondrische Störung noch weiter zu verschlimmern. Denn naturgemäß liefert Google nicht nur eine mögliche Ursache für das Stechen in der Brust oder die unerklärliche Müdigkeit, sondern es werden gleich dutzende verschiedener Krankheitsbilder aufgelistet, in denen die gesuchten Symptome ebenfalls vorkommen können. Dieser ständige Fokus auf mögliche Krankheiten bleibt jedoch – vor allem wenn er regelmäßig stattfindet – nicht ohne Folgen für das Gehirn. Denn die permanente gedankliche Auseinandersetzung mit diversen Krankheiten und deren Symptomen sorgt dafür, dass das Gehirn neuronal immer leistungsfähiger darin wird, auch noch die kleinste Missempfindung im Körper so stark wahrzunehmen, dass selbst der körperlich gesündeste Mensch binnen weniger Wochen das Gefühl hat, ernsthaft krank zu sein.

Die Deutschen – ein Volk von Hypochondern?

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Deutschland im internationalen Vergleich übrigens zu den Spitzenreitern, was die Anzahl der hypochondrischen Störungen betrifft, wobei Männer genauso häufig betroffen sind wie Frauen. Doch warum werden überhaupt so viele Menschen zum Hypochonder? In der Schulmedizin gilt allgemein die Auffassung, dass Menschen mit Hypochondrie besser als andere in der Lage sind, Gefühle innerhalb des Körpers wahrzunehmen. Der Fachbegriff dafür ist eine gesteigerte, interozeptive Wahrnehmung. Dadurch werden ganz harmlose Gefühle, die jeder Mensch mehrmals am Tag hat, wie z.B. ein Kribbeln, ein Ziehen in der Muskulatur, ein kurzer Wärme- oder Kälteschauer und vieles mehr, überinterpretiert und mitunter sogar als bedrohlich eingestuft. Häufen sich diese Fehlinterpretationen, können daraus im Laufe der Zeit sogar richtige Angststörungen entstehen. Diese wiederum rufen, durch die Ausschüttung verschiedener Neurotransmitter, noch mehr unangenehme körperliche Symptome hervor, welche erneut überbewertet werden.

Warum Sie Antidepressiva bei Hypochondrie NICHT einsetzen sollten

Um dem soeben beschriebenen Teufelskreis zu entkommen, raten viele  Mediziner zur Einnahme von Psychopharmaka. Wie sinnlos, ja sogar gefährlich dieser Therapieansatz sein kann, beweist eine neue Metastudie zu Antidepressiva, die kürzlich im Psychotherapeutenjournal 4/2018 (Seite 324) veröffentlicht wurde. Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Antidepressiva noch nicht mal bei der Krankheit, der die Medikamente ihren Namen zu verdanken haben, also bei Depressionen, sonderlich gut wirken. Bei gerademal 14% aller Patienten konnte eine positive Wirkung festgestellt werden. Bei 86 % zeigte die Medikation hingegen gar keine Wirkung oder führte zu einer Reihe von teilweise schweren Nebenwirkungen, die das Leben der Betroffenen noch zusätzlich belasteten.

Deshalb an dieser Stelle mein dringlicher Aufruf an alle Ärzte und Therapeuten:

Bitte erzählen Sie Ihren Patienten nicht, dass diese ohne Antidepressiva nicht gesund werden können. Diese Aussage widerspricht nicht nur allen aktuellen Studien, sie sorgt vor allem auch dafür, dass Ihre Patienten sich nur auf die Medikamente verlassen, anstatt endlich an den wahren Auslösern ihrer psychischen Probleme zu arbeiten.  Wer durch die Verschreibung von Psychopharmaka das Gefühl bekommt, er könne auch weiterhin all die Denk- und Verhaltensmuster beibehalten, die ursächlich für seine psychischen Probleme verantwortlich sind, dessen Situation muss sich zwangsläufig noch verschlechtern.

Schlafstörungen auf Grund von Antidepressiva

Wer Antidepressiva einnimmt, hat eine 86% Wahrscheinlichkeit, dass diese Medikamente nicht helfen und er riskiert zudem das Auftreten weiterer Probleme wie Gewichtszunahme, Libidoverlust oder auch Schlafstörungen. Gerade letzteres ist übrigens keine Seltenheit. Laut einem 2018 erschienenen Artikel in der Deutschen Apotheker-Zeitung, den ich ebenfalls für Sie verlinkt habe, können nach neusten Studien drei Viertel aller Psychopharmaka zu Schlafstörungen führen. Nicht nur Betroffene, sondern gerade auch Ärzte und Therapeuten sollten sich deshalb mit diesen neuen Studien ernsthaft auseinandersetzen.

Die heimlichen Vorteile, ein Hypochonder zu sein

Eine gesteigerte Wahrnehmung von im Körper ablaufenden Prozessen ist nichts, was man an bestimmten Genen festmachen könnte. Ganz im Gegenteil – es kann jeden treffen, denn es handelt sich hierbei um nichts anderes, als ein unbewusst antrainiertes Verhalten. Wer z.B. in einer Familie aufgewachsen ist, in der sich die Gespräche hauptsächlich um Krankheiten oder körperliche Unzulänglichkeiten gedreht haben, dessen Gehirn wurde von Kindesbeinen an darauf trainiert, den Körper von morgens bis abends auf mögliche Warnhinweise hin abzuscannen. Doch selbst wenn Krankheiten zu Hause gar kein Thema waren, kann man sein Gehirn darauf trainieren, eine gesteigerte interozeptive Wahrnehmung zu entwickeln, und zwar vor allem dann, wenn die Hypochondrie den ein oder anderen versteckten Vorteil hat. Die Rede ist vom sogenannten secondary gain, also dem sekundären Krankheitsgewinn.

Ständig damit beschäftigt zu sein, ob man nicht doch ernsthaft krank ist, kostet, je nach Schweregrad der hypochondrischen Störung, richtig viel Zeit. Andauernd googelt man nach neuen Symptomen, absolviert einen Arztbesuch nach dem anderen und ist den Rest der Zeit damit beschäftigt, alle möglichen Gefahrenquellen zu vermeiden. Dadurch bleibt allerdings auch keine Zeit mehr, sich um seine wahren Probleme zu kümmern. So absurd das für Außenstehende erscheinen mag, für viele Hypochonder ist es bequemer, sich immer weiter in irgendwelche Krankheiten hineinzusteigern, als sich um einen besseren Beruf oder eine beglückendere Beziehung zu bemühen.

Die vermeintliche Krankheit dient als Universalausrede, um auch weiterhin nicht selbst aktiv etwas dafür zu tun, sein Leben schöner und lebenswerter zu gestalten. Nicht umsonst endet mein erstes Buch mit dem Satz:

„Du musst nicht gesund werden, um das Leben Deiner Träume zu leben! Du darfst endlich anfangen, das Leben Deiner Träume zu leben, damit Du gesund werden kannst.“

Und genau darin liegt das Geheimnis, wie man Hypochondrie auch wieder loswerden kann. Hören Sie auf, nach Gründen zu suchen, warum das Leben bald vorbei sein könnte und richten Sie Ihren Fokus anstatt dessen auf all die Dinge, für die es sich wirklich lohnt zu leben. Jede einzelne Minute, in der Sie etwas tun, was Sie wirklich erfüllt, ist eine Minute, in der ihr Gehirn ein kleines bisschen mehr verlernt, sich Krankheiten einzureden, die gar nicht da sind.

Hypochondrie ist nichts weiter, als ein antrainierter Fokus auf körperliche Probleme aller Art.

Was den Betroffenen hingegen fehlt, ist exakt der gegenteilige Fokus – bei dem man sich tagtäglich fragt:

„Was kann ich hier und heute aktiv unternehmen, um mein Leben Stück für Stück besser zu machen.“

Je öfter man diesen besseren und zielführenderen Fokus trainiert, umso mehr beschäftigt sich das Gehirn mit der Beantwortung dieser Frage und umso seltener kommt es dazu, den Körper wieder nach möglichen Hinweisen darauf abzuscannen, ob man nicht doch eine gefährliche Krankheit haben könnte.

Kommen wir bei dieser Gelegenheit auf all die Menschen zu sprechen, die nicht wirklich an einer Hypochondrie leiden, sondern nur mit dem Begriff kokettieren: „Weiß Du, ich bin voll der Hypochonder, sobald jemand nur davon erzählt, dass er schon wieder einen kratzigen Hals hat, merke ich auch bei mir sofort, wie meine Kehle sich rau und unangenehm anfühlt.“ Da man dieses Gefühl aber nicht mag, beobachtet man nun ganz genau, ob und wann es wieder weggeht. Und genau das ist der größte Fehler, den man machen kann, denn jeder Fokus auf ein vermeintliches Problem vergrößert es, wie das folgende Beispiel eindrücklich beweist:

Waren Sie schon mal in einem klassischen Konzert? Alles sitzt ruhig und wartet gespannt, bis der Dirigent die Bühne betritt. Doch plötzlich muss jemand husten, einmal, zweimal – dann wird schnell nach einem Taschentuch gekramt, um das weitere Husten so gut wie möglich mit dem Stoff abzudämpfen. Doch während der eine noch mit dem Hustenreiz kämpft, fängt in so manch anderem ein geradezu absurdes Kopfkino an.

 „Hoffentlich muss ich jetzt nicht auch husten, irgendwie fühlt sich mein Hals gerade auch ganz kratzig an. Ach, hätte ich doch nur was zum Trinken dabei. Jetzt bloß nicht husten…“

Doch allein schon der Gedanke daran, nicht husten zu wollen, löst im Hals genau jenes unangenehme Gefühl aus, das sich eigentlich nur durch Husten wieder halbwegs loswerden lässt.

Deshalb mein Tipp:

Hören Sie auf, sich selbst als Hypochonder zu bezeichnen, denn genau damit bereiten Sie Ihr Gehirn darauf vor, immer besser auf innere Prozesse zu achten und die Entwicklung hin zu einer echten psychischen Störung wird dadurch immer wahrscheinlicher. Sagen Sie sich lieber, dass Sie sehr empathisch sind und sich gut in andere einfühlen können – und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit dann schnell auf jemanden, bei dem Ihnen Ihre empathische Ader zugute kommt. Lassen Sie sich lieber von Humor und guter Laune anstecken, als von Kratzen, Jucken und sonstigen körperlichen Symptomen. Denn auch diesen Fokus kann man bewusst trainieren und das Ergebnis macht zudem viel mehr Spaß.

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