Mehr als 40 Millionen Menschen in Europa nehmen regelmäßig Antidepressiva ein. Das entspricht rund 8 Prozent der gesamten Bevölkerung. Ein Großteil dieser Medikamente sorgt dafür, dass der Serotoninspiegel im Gehirn erhöht wird. Das gilt auch für das extrem oft verschriebene Citalopram. Doch der vielfach beschworene Serotoninmangel ist nach aktuellem Forschungsstand weder mit einer Depression noch mit einer Angststörung in Zusammenhang zu bringen. Dass Citalopram dennoch weiterhin so häufig verschrieben wird, ist in meinen Augen ein schwerer Missstand. Immerhin kann das Medikament zu schweren Nebenwirkungen führen. Gut zu wissen, dass es Alternativen zu Antidepressiva gibt.

Die folgenschwere Serotonin-Hypothese

Bestimmt haben auch Sie schon einmal davon gehört, dass ein Serotoninmangel für die Entstehung einer Depression verantwortlich sei. Dem Botenstoff wird – zusammen mit Noradrenalin – eine wesentliche Rolle bei der Reizweiterleitung im Gehirn zugesprochen. Folgt man der weit verbreiteten Lehrmeinung, ist Serotonin vereinfacht gesagt dafür verantwortlich, dass die Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn ordnungsgemäß funktioniert. Ein Mangel des Botenstoffs führt also dazu, dass sich unsere Nervenzellen nur noch unzureichend verständigen können. Die Folge dieses chemischen Ungleichgewichts: Wir fühlen uns schlapp, energielos und demotiviert. Mit anderen Worten: Wir werden depressiv oder auch ängstlich. Heute wird diese sogenannte „Serotonin-Hypothese“ insbesondere von Pharmaunternehmen aufgegriffen und verbreitet. Deren Antidepressiva – allen voran das in Deutschland sehr populäre Citalopram – zielen vornehmlich auf eine Erhöhung des Serotoninspiegels ab. Entsprechende Medikamente werden daher vielsagend auch als Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor – SSRI) bezeichnet.

Mythos Serotoninmangel

Das alles klingt wissenschaftlich fundiert – und macht Betroffenen zugleich Hoffnung auf eine schnelle medikamentöse Besserung. Gäbe es da nicht ein Problem: Die Serotonin-Hypothese ist schlichtweg falsch. Den aktuellen Stand der Forschung bringt Dipl.-Psych. Thorsten Padberg in dem 2018 im Psychotherapeutenjournal erschienen Beitrag „Placebos, Drogen, Medikamente – Der schwierige Umgang mit Antidepressiva“ auf den Punkt. So gibt es derzeit keinen Anhaltspunkt dafür, dass depressive Menschen in irgendeiner Form Probleme mit ihrem Serotoninspiegel hätten. Diesen unscheinbaren Satz muss man erstmal sacken lassen. Obwohl die Serotonin-Hypothese seit vielen Jahrzehnten die Forschung an Antidepressiva dominiert, konnte sie nie empirisch bestätigt werden. Im Gegenteil. Der Versuch, bei gesunden Menschen durch eine medikamentöse Serotoninverringerung depressive Symptome hervorzurufen, führte stattdessen sogar zu einer Verbesserung des psychischen Wohlbefindens. Paradoxerweise wurde auf Basis dieses Experiments mit Tianeptin ein Antidepressivum entwickelt, das nicht als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, sondern umgekehrt als Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker wirkt.

Zusammengefasst heißt das: Ein Serotonindefizit scheint bei der Entstehung von Depressionen keine oder zumindest nur eine vernachlässigbare Rolle zu spielen. Entsprechend skeptisch müssen Medikamente betrachtet werden, deren Entwicklung genau auf dieser irrtümlichen Annahme beruht.

Aber kann das wirklich sein? Dass eine nachweislich fehlerhafte Hypothese, einmal in die Welt gesetzt, von Fachwelt wie Medien gleichermaßen geglaubt und weiterverbreitet wird? Leider ja. Denken Sie nur mal an Spinat. Sicherlich haben Sie auch schon einmal davon gehört, dass das Gemüse eine echte Eisenbombe sei. Kein Wunder, immerhin wurde diese Ansicht über Jahrzehnte von Ernährungswissenschaftlern und Medien verbreitet. Und die berühmte Zeichentrickfigur Popeye, die ihre Kräfte aus dem „Eisenwunder“ Spinat zieht, tat ihr Übriges, um diese Ansicht zu festigen. Heute weiß man allerdings: Spinat enthält gar nicht besonders viel Eisen. Ursächlich für diesen Mythos war ein Kommafehler in einer alten Nährwerttabelle. So wurden aus 3,5 Milligramm stolze 35 Milligramm Eisen pro 100 Gramm.

Wie wirksam sind Citalopram und andere Antidepressiva?

Die Unhaltbarkeit der Serotonin-Hypothese lässt nichts Gutes hinsichtlich der Wirksamkeit von Antidepressiva erahnen. Und tatsächlich ist der Erfolg dieser Medikamente überschaubar. Bei leichten, mittelschweren und nicht allzu schweren Depressionen helfen sie nicht besser als ein Placebo. Im Durchschnitt besteht dabei lediglich bei 14 Prozent der Betroffenen die Chance auf eine Verbesserung ihrer depressiven Symptome.

Zu empfehlen sind sie deshalb nur bei sehr schweren Depressionen. Hier konnte man beobachten, dass Betroffene nach einigen Wochen zumindest wieder so viel Energie entwickeln, dass man psychotherapeutisch mit ihnen arbeiten kann. Und selbst in diesem Fall sollten die Medikamente anschließend schnell wieder ausgeschlichen werden.

Dass Antidepressiva nicht oder nur geringfügig wirksamer als Placebos sind, wurde mittlerweile in verschiedenen Studien bestätigt. Auch die im Sommer 2019 veröffentlichte Metastudie des renommierten dänischen Nordic Cochrane Centre kommt zu einem ähnlichen Schluss. Gut zu wissen: Das Zentrum wird vom dänischen Staat finanziert und darf per Gesetz keine Gelder von Pharmaunternehmen annehmen. Das ist auch gut so, denn letztere haben sich in ihrer Werbung für Antidepressiva in den letzten Jahren immer mehr von der aktuellen Forschungsmeinung abgekoppelt.

Citalopram: Gefährliches Placebo

Da die Wirkung von Antidepressiva bestenfalls überschaubar ist, ist es umso bedeutsamer, den Fokus auf mögliche unerwünschte Nebenwirkungen zu legen. Das gilt insbesondere für Citalopram, das eines der meistverschriebenen Antidepressiva weltweit ist. Tatsächlich kann eine Einnahme des Serotonin-Wiederaufnahmehemmers zu einer ganzen Reihe gravierender Folgen führen. Eine Verschreibung nur auf Basis des – durchaus positiv zu wertenden – Placebo-Effekts erscheint unter diesem Hintergrund mehr als fraglich.

Diese Nebenwirkungen von Citalopram sollten Sie kennen:

Die Liste an Nebenwirkungen, die durch Citalopram verursacht werden können, ist lang. Schläfrigkeit, Schwitzen, Übelkeit, Mundtrockenheit und Schlaflosigkeit gehören dabei noch zu den harmloseren, treten mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 10% aber sehr häufig auf.

Häufig (1 – 10%) kommt es zudem unter anderem zu folgenden Nebenwirkungen:

  • Müdigkeit
  • Erschöpfung
  • Kraftlosigkeit
  • Muskelschmerzen
  • Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Zittern (Tremor)
  • Vermehrter Speichelfluss
  • Durchfall
  • Erbrechen
  • Herzrasen
  • Schwindel
  • Bauchschmerzen
  • Hautausschlag
  • Nervosität
  • Konzentrationsstörungen
  • Ängstlichkeit

Diese Liste ließe sich noch lange fortführen. Besonders bemerkenswert: sexuelle Funktionsstörungen werden ebenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 – 10% gelistet. Dabei treten diese laut einem Artikel der Ärzte Zeitung ungleich häufiger auf.

Sexuelle Funktionsstörungen: Häufige Langzeitfolge von Citalopram

Laut ÄrzteZeitung leiden 59 Prozent der Patienten, die Antidepressiva einnehmen, unter einer sexuellen Funktionsstörung, die die Lebensqualität der Betroffenen merklich einschränkt. Ein Teil davon dürfte auf das Konto der Depression selbst gehen, oftmals sind jedoch einzig die Medikamente Ursache für entsprechende Störungen. Das gilt insbesondere für Antidepressiva der SSRI-Klasse, zu denen auch Citalopram gehört. Diese können die Sexualität auch Jahre nach dem Einnahmestopp noch beeinträchtigen.

Dass sexuelle Funktionsstörungen dennoch „nur“ zu den „häufigen“ und nicht zu den „sehr häufigen“ Nebenwirkungen von Citalopram gezählt werden, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Betroffene entsprechende Beeinträchtigungen aus Scham nicht ansprechen.

Wenn auch Sie vermuten, dass die Einnahme von Citalopram bei Ihnen zu einer sexuellen Funktionsstörung geführt hat, lohnt es sich, gemeinsam mit Ihrem Arzt über ein Absetzen des Medikaments zu sprechen. Aber Vorsicht: Citalopram muss in jedem Fall langsam abgesetzt werden – im Fachjargon spricht man von „ausschleichen“. Immerhin kann ein Absetzen des Medikaments zu handfesten Entzugserscheinungen führen.

Citalopram: Absetzen kann zu Entzugserscheinungen führen

Antidepressiva werden häufig über Monate, manchmal sogar über Jahre hinweg eingenommen. Das Problem dabei: Im Laufe der Zeit bildet sich eine Abhängigkeit aus, die insbesondere bei Serotonin-Wiederaufnahmehemmern zu Entzugserscheinungen, dem sogenannten SSRI-Absetzsyndrom führen kann. Die Symptome reichen von Durchfall und Übelkeit über Kopfschmerzen und grippeähnliche Symptome bis hin zu Taubheitsgefühlen. Was Betroffene beim Entzug durchmachen müssen, erfahren Sie auch in einem sehr spannenden Artikel, der 2018 in der online-Ausgabe der Zeit erschienen ist. Ein Grund mehr, auf die Einnahme von Citalopram gegen Depressionen von vorneherein zu verzichten.

Johanniskraut: Die verträgliche Citalopram-Alternative

Überschaubare Wirkung, unschöne Nebenwirkungen, schädliche Langzeitfolgen, Absetzungssyndrom: Ich kann Citalopram somit nur in absoluten Ausnahmefällen (nämlich ausschließlich bei wirklich schweren Depressionen) empfehlen. Zurecht fragen Sie sich jetzt vermutlich: Gibt es denn eine Alternative? Ja, die gibt es – das pflanzliche Johanniskraut. Im Gegensatz zu Citalopram treten bei dem Heilmittel, das schon in der Antike erfolgreich gegen depressive Verstimmungen eingesetzt worden ist, kaum Nebenwirkungen auf. Die Liste der „sehr häufigen“ (mehr als 10%) und „häufigen“ (1 – 10%) Nebenwirkungen bleibt sogar vollkommen leer.

In puncto Wirksamkeit kann Johanniskraut Citalopram aber durchaus das Wasser reichen. Eine randomisierte placebokontrollierte Doppelblindstudie kam bereits 2006 zu dem Ergebnis, dass Johanniskraut bei mittelschweren Depressionen ähnlich gut wirkt wie Citalopram. Zugleich ist es jedoch, wenig überraschend, wesentlich besser verträglich.

Depressionen und Angststörungen loswerden: Ursachenforschung zahlt sich aus

So verlockend es auch sein mag, Depressionen oder Angststörungen einfach auf einen gestörten Hirnstoffwechsel zurückzuführen, die Realität sieht anders aus. Beide Krankheitsbilder kennen nicht nur einen, sondern ganz viele Auslöser – körperliche wie seelische. Dass Antidepressiva nur bei 14% aller Betroffenen eine positive Wirkung zeigen, ist daher kein Wunder. Entsprechend begrenzt sind somit aber leider auch die Möglichkeiten von Johanniskraut.

Fakt ist: Nur wer die Ursache(n) seiner Depression oder seiner Angststörung kennt, kann diese auch wirksam behandeln. Welche Auslöser dabei besonders häufig in Frage kommen, habe ich in meinen beiden Büchern ausführlich thematisiert, die ich auch am Ende dieses Artikels für Sie verlinkt habe. Bei Depressionen sind das beispielsweise:

  • Negatives Denken und Zweckpessimismus
  • Ein Mangel an BDNF-Proteinen, ausgelöst durch zu wenig Bewegung
  • Nebenwirkungen von Medikamenten, die falsch kombiniert wurden
  • Lebensmittelunverträglichkeiten
  • Mangel an Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen
  • Chronische Entzündungen
  • Änderungen des Sozialverhaltens durch Social Media und Handys
  • Nicht erkannte oder falsch behandelte Angststörungen
  • Schlafstörungen und falsche Schlafgewohnheiten
  • Traumatische Erfahrungen und verdrängte Trauer

Ist der Auslöser einmal identifiziert, ist es auch möglich, eine vermeintlich hartnäckige Depression oder eine langjährige Angststörung loszuwerden. Egal unter welchem der beiden Probleme man leidet, mittlerweile gibt es auch ohne Medikamente effektive Mittel und Weg, um schnell wieder in ein Leben ohne Angst und Depression zurückzukehren.

Über den Autor

Klaus Bernhardt

Klaus Bernhardt leitet in Berlin das Institut für moderne Psychotherapie. Er ist Autor der beiden Spiegelbestseller: „Panikattacken und andere Angststörungen loswerden“ sowie „Depression und Burnout loswerden“. Seine Bücher wurden bislang in 18 Sprachen übersetzt und haben bereits unzähligen Menschen dabei geholfen, aus eigener Kraft psychische Probleme zu überwinden. Klaus Bernhardt ist Mitglied der Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement (AFNB) und ehrenamtlicher Moderator in der Initiative neues Lernen (INL).