Mythen-Check Folge 7: Ablenkung hilft bei Ängsten

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  • Angst - Mythen, Folge 7

Mythen-Check Folge 7: Ablenkung hilft bei Ängsten

Im letzten Teil meines Mythen-Checks gehe ich der Frage nach, ob Ablenkung wirklich ein probates Mittel im Kampf gegen Angst- und Panikattacken ist.

Ängste lassen sich eine Weile lang „vergessen“

Viele Angstpatienten machen die Erfahrung, dass sie auch mal eine Weile „vergessen“ können, dass sie unter Ängsten leiden. Immer dann, wenn ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf etwas gerichtet ist, wie z.B. ein Telefongespräch oder eine Arbeit, die viel Konzentration erfordert, sind sie frei von Symptomen.

Sobald die Arbeit oder das Telefonat aber beendet sind, fängt wieder das unterbewusste Suchen nach den Symptomen der Angst an. Und wer sucht, der findet bekanntlich auch – denn nichts wäre besser geeignet um Ängste auszulösen, als bewusst nach ersten Anzeichen danach zu suchen.

Ablenkung hilft nicht im Kampf gegen Angst und Panik

Aus dieser Erfahrung könnte man nun ableiten, dass Ablenkung eine effektive Methode gegen Ängste wäre. Doch das ist leider ein Irrtum. Denn etwas, wovon ich mich absichtlich ablenke, bleibt mir als ständig lauernde Bedrohung unterbewusst ja nach wir vor im Gedächtnis. Zudem ist unser Gehirn gar nicht in der Lage, NICHT an etwas zu denken. Den Lesern meines Buches fällt an dieser Stelle wahrscheinlich die Geschichte vom Bär auf dem Fahrrad ein, die wie folgt geht:

Bitte denken Sie auf keinen Fall an einen Bären, der auf einem Fahrrad fährt. Er hat auch keine dunkle Sonnenbrille auf und auf seinem Rücken trägt er keinen gelben Rucksack.

Na, ist es Ihnen gelungen, dieses Tier NICHT vor Ihrem inneren Auge zu sehen? Wohl kaum, denn um die Informationen der vorangegangenen Zeilen überhaupt verarbeiten zu können, muss Ihr Gehirn den Inhalt visualisieren. Ähnlich verhält es sich auch, wenn Sie sich ablenken, weil Sie NICHT an die Angst denken wollen.

Ablenkungen sind zeitlich begrenzt, danach kehrt die Angst zurück

Ablenkung hat zudem den Nachteil, dass Sie zeitlich begrenzt ist. Kein Telefonat dauert ewig und auch die anstrengendste Aufgabe ist irgendwann erledigt – und danach besteht die Gefahr, dass die Angst zurückkehrt. Anders verhält es sich jedoch, wenn wir wieder große Ziele entwickeln – möglichst welche, auf die wir uns wirklich freuen und für deren Erreichung wir alles tun würden.

Große Ziele als echte Lösungsstrategie

Wirklich große Ziele beschäftigen uns, ohne dass es angstengend wäre, in jeder freien Minute. Wir können gar nicht anders als darüber nachzudenken, wie toll es sein wird, wenn sich etwas, worauf wir schon lange hinarbeiten, endlich erfüllt. Frisch Verliebte, die darauf hoffen, mit ihrem heimlichen Schwarm endlich eine Beziehung eingehen zu können, wissen wovon ich spreche.

Die Gedanken kreisen ständig um die geliebte Person, intensiv malt man sich aus, wie wohl der erste Kuss sein wird, das erste Mal Hand in Hand Spazieren gehen oder auch die erste Liebesnacht. Und – was noch wichtiger ist –,  man arbeitet AKTIV auf dieses Ziel hin. Immer häufiger ist man „zufällig“ in der Nähe seines Schwarms, interessiert sich mehr und mehr für dieselben Dinge wie der zukünftige Traumpartner und ist natürlich auch sofort zur Stelle, wenn er oder sie bei etwas Hilfe braucht. Sie glauben gar nicht, wie oft ich Patienten in meiner Praxis habe, deren Angststörung von einen auf den anderen Tag verschwindet, nur weil sie sich neu verliebt haben!

Langfristige Ausrichtung ist der Schlüssel zum Erfolg

Echte Ziele haben, im Gegensatz zu reiner Ablenkung, immer eine langfristige Ausrichtung. Egal ob es der Traumjob ist, auf den man hinarbeitet, eine langfristige Veränderung des Lebensumfeldes (z.B., weil jemand unbedingt am Meer wohnen möchte) oder wie in unserem Beispiel eine beglückende Partnerschaft.

Wer zu etwas hin will, ist auf dem richtigen Weg. Wer hingegen nur von etwas weg will und etwas Ablenkung von seinem Leid sucht, wird kaum vorankommen.

Das Fazit unseres siebten und letzten Mythenchecks lautet also: Ablenkung hilft nicht wirklich gegen Angst. Sie verschiebt nur den Zeitpunkt, zu dem die Symptome der Angststörung auftreten, ein wenig nach hinten. Zudem sorgt permanente Ablenkung dafür, dass die neuronale Datenautobahn der Angst in unserem Kopf immer breiter wird, da wir bewusst nicht NICHT an die Angst denken können.

Die Ausrichtung auf echte Ziele hingegen baut mit der Zeit eine Art positive Gegenautobahn, wodurch sich die im Gehirn gespeicherte Automation der Angst mehr und mehr zurückbildet.

Bild: © Fotolia, Family Business, Nr. 111337138

2018-04-23T07:24:46+00:00 23.04.2018|

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