Ein guter Therapeut ist immer auch Motivationstrainer

Interview mit Klaus Bernhardt (Teil 2/2)

Im ersten Teil des Interviews sprachen wir mit Klaus Bernhardt über seine Erfahrungen mit konventionellen Therapieformen bei Angst- und Panikerkrankungen. Diese gaben den Ausschlag für die Entstehung der nach ihm benannten Bernhardt-Methode. Im zweiten Teil lesen Sie, welche Verlaufsformen für Angsterkrankungen typisch sind, was Grundvoraussetzung für einen dauerhaften Therapieerfolg ist – und wieso ein guter Therapeut immer auch zugleich Motivationstrainer ist.

Mit welchen Arten von Angst- und Panikerkrankungen haben Sie am häufigsten zu tun, Herr Bernhardt?

Prinzipiell habe ich in meiner Praxis mit jeder Art von Angsterkrankungen zu tun; besonders häufig behandle ich Fälle von

Hinzu kommt eine Reihe von isolierten Phobien (z.B. Aufzugangst, Höhenangst, Flugangst). Die zugrunde liegenden Mechanismen im Gehirn sind alle sehr ähnlich; deshalb greift meine Methode auch bei allen genannten Krankheitsbildern gleichermaßen.

Gibt es Korrelationen zwischen bestimmten Ängsten und/oder „typische“ Verlaufsmuster bei deren Entstehung?

Ja, die gibt es definitiv! Vor allem zwei Muster begegnen mir regelmäßig: Muster Nummer 1: Auf eine erste Angstattacke folgt wochen- und monatelanges Grübeln der Betroffenen darüber, was mit einem nicht stimmt. Genau dieses Grübeln lässt die Angst jedoch immer häufiger auftauchen. Eine ein- oder zweimalige Angstattacke im Leben ist übrigens nichts Besonderes; fast jeder erlebt diese irgendwann im Laufe seines Lebens. Dafür gibt es hunderte von Ursachen, z.B.

In der Regel gibt sich das von selbst wieder; dauerndes Grübeln aber verändert die Gehirnstruktur bereits innerhalb weniger Wochen,  sodass die Angst immer wiederkommt.

Wie äußert sich das zweite Verlaufsmuster?

Muster Nr. 2 nimmt seinen Anfang im Vermeidungsverhalten: Betroffene meiden bewusst die Situation, in der die Angst erstmalig aufgetreten ist, beispielsweise bei einer Fahrt auf der Autobahn oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ohne Behandlung besteht jedoch die Gefahr einer Generalisierung, das bedeutet, dass das Vermeidungsverhalten sich ausweitet: Statt der Autobahn wird schon bald jede größere Straße gemieden, dann die Landstraßen und irgendwann wird das Autofahren ganz eingestellt.

Betroffene nehmen sukzessive immer weniger am Sozialleben teil – und schenken ihrer Angsterkrankung erst dann Aufmerksamkeit, wenn sie das Leben in großen Teilen beeinträchtigt.

Spielen auch Medikamente und Drogen eine Rolle bei der Entstehung von Angsterkrankungen?

Eine sehr große sogar: Bei etwa jedem Fünften in meiner Praxis handelt es sich um sogenannte „substanzinduzierte Angststörungen“, die durch den Ge- bzw. Missbrauch von Medikamenten und Drogen entstehen. Dabei erlebe ich häufig, dass sich die Angstzustände schlagartig bessern, sobald die Patienten den Drogenmissbrauch beenden bzw. ihr Medikament wechseln – zumindest in der Frühphase.

Wo liegt der Unterschied zwischen der Bernhardt-Methode und anderen Therapieansätzen?

Zunächst einmal in der Dauer der Behandlung: Die klassische Verhaltenstherapie geht von mindestens 25 Stunden aus; mit meiner Methode brauche ich in den meisten Fällen nicht mehr als 5 Sitzungen. Zudem schaffen es immer mehr Betroffene, ihre Ängste allein mit meinem Buch und dem begleitenden Videokurs in den Griff zu kriegen.

Täglich erhalte ich zwischen 5 und 20 Mails von ehemaligen Angstpatienten oder deren Therapeuten, die genau das berichten! In meinem Buch habe ich ja die Leser explizit dazu aufgerufen, mir von ihren persönlichen Erlebnissen zu berichten – nicht nur von Erfolgsfällen, sondern auch darüber, wenn es mal einen Rückfall gab. All diese Informationen sind sehr wichtig, um wirklich dauerhaft helfen zu können. Meine Methode unterliegt einer kontinuierlichen Entwicklung; um sie immer weiter zu verbessern, bin ich genau auf solche Rückmeldungen angewiesen.

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die Gründe, die einen dauerhaften Therapieerfolg verhindern?

Manche Menschen verwechseln meine Methode immer noch mit einer Medizin – und genau das ist sie nicht! Die Bernhardt-Methode ist keine Pille, die man einnimmt und die man absetzen könnte, sobald man gesund ist. Sie ist vielmehr eine Lebenseinstellung – genau wie die Entscheidung, regelmäßig Sport zu treiben oder sich gesund zu ernähren.

Langfristiger Erfolg erfordert also eine dauerhafte Umstellung, sonst stellt sich (wie bei einer Diät) der „Jojo-Effekt“ ein. Meine Methode ist insofern eine Entscheidung, die man fürs Leben trifft: Sie erfordert eine neue Art, das Denken zu lernen und zu trainieren, um Körper und Psyche vor schädlichen Einflüssen bestmöglich zu schützen.

Wie motivieren Sie Ihre PatientInnen zum Dranbleiben?

Ein guter Therapeut ist immer auch Motivationstrainer! Wenn meine Patientinnen die Praxis verlassen, ist es immer mein Anspruch, dass es ihnen besser geht als eine Stunde zuvor.

Deshalb lehne ich das Graben in der Vergangenheit ab: Der Fokus auf ein Problem verstärkt dieses nur. Und was meinen PatientInnen garantiert nicht fehlt, ist der Problem-Fokus. Was ihnen abhandengekommen ist, ist die Fähigkeit, Visionen von ihrem Leben zu entwickeln, wenn sie wieder gesund sind.

Auch hier greift die Parallele zum Sport und zur Ernährungsumstellung: Wer ein klares Bild davon hat, in wenigen Monaten wieder gesund zu sein, resigniert nicht nach den ersten paar Versuchen!

Wie lautet Ihr Rat an Angstpatienten?

Ihr Ziel im Kopf ist die beste Motivation! Lernen Sie nicht (wie in der Konfrontationstherapie), ihre Ängste auszuhalten – das ist maximal kontraproduktiv. Überspitzt gesagt, gilt hier dasselbe wie in der Paartherapie: Ist Ihr Partner ein Idiot, versuchen Sie nicht, sich mit ihm zu arrangieren. Suchen Sie sich jemand Neuen, der Ihnen gut tut!

Genauso verhält es sich in jedem Lebensbereich, egal ob Job, Ernährung oder eben mit Ihrer Angst: Suchen Sie sich etwas, das Ihnen gut tut, behalten Sie das Gesamtsystem im Blick – und alles wird gut.

Bild Klaus Bernhardt: © Katja Kuhl

2018-11-06T11:16:50+00:00
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